The Case

The Case

Installation / 2 Kanal Video / Kopfhörer / HD / Stereo / 34’ / 2015

Der 2014 in der WTO Genf stattfindende „ELSA Moot Court Competition on WTO Law“, ein internationaler Plädoyer-Wettbewerb im Welthandelsrecht, war Ausgangslage der Videoinstallation „The Case“.
Die Welthandelsorganisation WTO (World Trade Organization) ist eine der einzigen internationalen Organisationen, deren Handels – und Wirtschaftspolitik globale Reichweite hat. 1995 ersetzte sie das 1947 geschaffene GATT (General Agreement on Tariffs and Trade). Wesentliches Ziel der WTO ist der Ausbau des Wirtschaftsliberalismus vor allem durch Förderung des Freihandels, die Regulierung von Rechtsstreitigkeiten und die Aufsicht über nationale Politiken.
Im „ELSA Moot Court Competition on WTO Law“ debattieren Juristinnen und Juristen jeweils einen fiktiven Rechtsfall. Es handelt sich um einen „Entstehungs-Moment“, in welchem Sprache zu Rhetorik und somit zu einem gezielten Instrument von Diskurs und Politik wird. Dieser Vorgang, in dem Gesetze in Rhetorik vorgetragen und verhandelt werden, ist auch und vor allem ein politischer Momente, in dem die Macht der Sprache sichtbar wird.
Während des Halbfinales und des Finales dieses Plädoyer Wettbewerbs habe ich zwei verschiedene Juristenteams gefilmt. Einerseits das Team aus der renommierten Privatuniversität Harvard Law School von Cambridge, das als Kläger-Team im Finale auftrat, andrerseits das Team aus der National and Kapodistrian University von Athen, das im Halbfinale als Kläger auftrat und kurz danach im Finale zum gleichen Rechtsfall als Verteidiger.
In diesem Rechtsfall der „ELSA Moot Court Competition on WTO Law“ wurde der fiktive afrikanische Staat „the Federal Republic of Aquitania“ von einem anderen fiktiven afrikanischen Staat „the United Kingdom of Commercia“ am WTO-Handelsgericht angeklagt.
Der Rechtsfall lässt sich folgendermassen zusammenfassen:
2005 wurde die Wasserversorgung und -verarbeitung von Nova Tertia, einer Provinz der Federal Republic of Aquitania, an die private Firma Avanti SA verkauft und ein zwanzigjähriger Vertrag unterzeichnet.
2007 erhöhte die Avanti SA den Preis ihrer Dienstleitung um 70% und lehnte gleichzeitig die von der Regierung mehrmals geforderten Erweiterungen und Reparaturen des Wasservertriebsnetzes ab. Hierauf kam es in der Bevölkerung zu einem Aufstand.
2009 wurde der Vertrag mit der Avanti SA schliesslich vorzeitig durch Nova Tertia gekündigt.
Die Avanti SA beantragte daraufhin beim Handelsministerium von United Kingdom of Commercia, dem Staat, in dem sich der Hauptsitz der Firma befindet, am WTO Gerichtshof Klage gegen die Federal Republic of Aquitania zu erheben.
Dieser fiktive Rechtsfall mit seinen überaus realistischen und aktuellen Thematiken bewirkt Fragen zur Herstellung von Rhetorik, Sprache und deren juristischen Anwendungen im Rahmen von wirtschaftlichen und politischen Apparaturen.
Den inhaltlichen Fragestellungen stelle ich eine Bildsprache gegenüber, die fiktionale Vermutungen erzeugen kann und somit die Abgrenzung von dokumentarischem und fiktivem Inhalt nochmals stört.
Die Videos werden auf zwei synchronisierten, nebeneinander hängenden Bildschirmen gezeigt. Der Ton wird über Kopfhörer vermittelt.

Gefilmt in der WTO, Genève.

Unterstützt vom Amt für Kultur Kanton Bern, Stipendium für Bildende Kunst 2015.